1. Bericht, 26.8.04

Das Erste, an das man sich in Tansania gewöhnen muss, ist das Verhältnis der Tansanianer zu Zeit. Alles fängt mit viel Verspätung an und dauert dann auch sehr lange. Niemand macht sich hier Stress und niemand hetzt. Auch wenn man sich sicher ist, dass irgendeine Sache morgen fertig ist, so findet sich immer irgendein Grund, aus dem es sich noch verzögern kann. Am Anfang ist das ein bisschen nervig, doch wenn man sich daran gewöhnt hat, hat man auch selber keinen Stress.

Es gibt auch sonst ein paar kulturelle Unterschiede, an die man sich erst gewöhnen muss. In Tansania fassen sich auch Männer so an wie in Deutschland eigentlich nur Mädels. Wenn hier also 2 Männer Hand in Hand durch die Stadt laufen, müssen sie nicht zwangsläufig schwul sein. Ich hab mich bis heute noch nicht an diese ganze Anfasserei gewöhnt, ständig legen mir wildfremde Kerle den Arm über die Schulter oder halten ewig meine Hand fest.

Die Stadt, in der ich arbeite, heisst Iringa. Sie hat ungefähr 100.000 Einwohner, die meisten natürlich Schwarzafrikaner. Neben meinem Kollegen Jonas gibt es hier noch 3 andere deutsche Zivis. Ansonsten gibt es noch ungefähr 50 Engländer, die hier mit SPW arbeiten. SPW (Students Partnership Worldwide) verteilt seine Freiwilligen aber immer über die Dörfer, so dass nur am Wochenende ein paar von ihnen in der Stadt sind. Die SPWs fahren auch in den nächsten Tagen nachhause und die nächsten kommen erst im Januar. Angeblich soll es hier auch ein paar Amerikaner von Peacekorp geben, aber ich habe noch keinen von ihnen getroffen.

Als ich ganz am Anfang in Iringa ankam, habe ich erstmal erfahren, dass der Container, der unsere Computer von Daressalam nach Iringa bringen sollte, einen Unfall hatte. Er sollte in wenigen Tagen geborgen werden. Die Organisation meiner Zivildienststelle hat auch noch ein Kinderdorf für Aidswaisen in Kilolo, etwa 40km von Iringa entfernt und so sollte ich in diesem Dorf abwarten, bis der Container ankommt. Von nun an kamen alle paar Tage neue Nachrichten - der Container ist eine 10m tiefe Klippe runtergestürzt, bei der 2. Nachricht war die Klippe schon 100m tief. Dann sollte der Container auch noch in Wasser gefallen sein. Es haben 3 verschiedene Kräne versucht, den Container zu bergen und sie haben alle versagt.

Die Kinderdorfchefin meinte schon, wir sollten uns mit dem Gedanken anfreunden, dass die Computer kaputt sind und wir das Jahr im Kinderdorf für Aidswaisen verbringen sollen. Nach 3 Wochen im Kinderdorf, haben sie es dann doch geschafft, den Container zu bergen. Er ist keine Klippe runtergestürzt und er wurde auch nicht überflutet - im Wesentlichen ist nichts passiert und die Bergung hat nur solange gedauert, weil in Tansania alles ein bisschen länger dauert.

Die Tansanianer sind ein freundliches und offenes Volk. Man wird auf der Straße ständig angesprochen, aber viele Leute wollen irgendwas verkaufen (Holzgiraffen, Freundschaftsbänder in den tansanischen Nationalfarben und anderen Blödsinn). Nach ein paar Tagen lernt man aber, mit diesen Leuten umzugehen und kann sie recht schnell abwimmeln. Viele Leute sprechen uns einfach nur an, weil sie Englisch sprechen üben wollen.

Jonas und ich wohnen zu zweit in unserer eigenen Wohnung. Sie ist sehr schön, mit Innenhof. Bis jetzt haben wir an Möbeln gerade mal unsere Betten, einen niedrigen Tisch, 1 Sofa und 2 Sessel. Wir haben keine Schränke oder Regale, alle unsere Sachen liegen in Kisten oder auf dem Boden. Momentan müssen wir auch noch auf dem Boden kochen, aber wir müssten in den nächsten Tagen neue Möbel kriegen (eigentlich haben wir mit den Möbeln schon vor 1 Woche gerechnet). Fliessender Strom und elektrisches Wasser funktionieren nur sehr zufällig, wir haben pro Tag ungefähr 2 Stunden kein Wasser und der Strom fällt auch immer zu den ungünstigsten Zeiten aus. Das Wasser hört meistens genau dann auf, wenn man die Haare voller Shampoo hat. Wenn man den Wasserkocher anschaltet, werden alle Lichter ein bisschen dunkler - sehr afrikanisch also.

Vor 1 Woche waren Jonas und ich zusammen mit 2 deutschen Mädels aus Sambia und den anderen Zivis auf Sansibar. Dort war eine Abschiedsparty für die alten und eine Willkommensparty für die neuen Zivis in Tansania.
Sansibar ist eine paradisische Insel im indischen Ozean. Weisser Strand, Palmen, Sonne - wunderschön. Wie in den Piratenfilmen. Nur leider sehr touristisch und (für tansanische Verhältnisse) sehr teuer.

Mit dem Computerunterricht können wir vermutlich in der 2. Septemberwoche anfangen, aber das kann sich auch sehr leicht um ein paar Wochen verzögern. Der Computerunterricht findet in der Uni von Iringa statt. Momentan gibt es hier noch keine Studenten, sondern nur eine gelangweilte Verwaltungscrew, die so gut wie nichts zu tun hat und ein paar andere Computerlehrer von Cisco. Die Cisco-Kurse haben schon angefangen. Vielleicht nehme ich auch an einem Cisco Kurs teil, man lernt wirklich interessante Sachen dort.  Der Unibetrieb soll irgendwann im Januar anfangen, aber das kann sich auch gut noch um ein halbes Jahr verzögern. Momentan gibt es hier einen Professor, ein Belgier, der vor 1 Woche angekommen ist. Er lebt in der Wohnung, die eigentlich Jonas und ich hätten kriegen sollen.  Die anderen Computer hier an der Uni haben alle italienische Keyboards mit englischen Tastaturtreibern. Gerade Sonderzeichen muss man sehr lange suchen.  Gestern haben wir unsere Schulungsräume fertig eingerichtet und heute morgen wurde endlich die Internetverbindung in unseren Raum gelegt. Jetzt müssen wir mit dem Lehren nur noch auf die Schüler warten. Es gibt sogar Fernsehwerbung für unsere Computerschule.

In Tansania ist alles sehr billig. Essen gehen kostet ungefähr 1 Euro pro Person, wenn Jonas und ich selber kochen, geben wir ungefähr 50 Cent aus. Tagsüber fahren Mdaladalas durch die Stadt, das sind Sammeltaxis, die pauschal 150 Schillinge (als 10 Cent) kosten. Die Reise nach Sansibar (700km Bus + Fähre) hat ungefähr 15 Euro gekostet. Man lebt hier sehr billig.
Und man glaubt nicht, wieviele Menschen in ein kleines Mdaladala passen. Die Tansanianer könnten damit bei Wetten Dass auftreten.

Das Nachtleben von Iringa ist für eine 100.000 Einwohnerstadt sehr unspektakulär. Es gibt eine richtige Disko, eine komische Disko und eine handvoll Kneipen, von denen aber nur eine gut ist (Bottoms Up). Dort treffen sich die Europäer und die wohlhabenderen Einheimischen. Gerade die Europäer sind häufig interessante Menschen.
Das tansanische Bier ist für ausländisches Bier erstaunlich gut, in den vielen europäischen Ländern ist es schlechter. Wenn man ein Bier bestellt, fragen sie, ob es warm oder kalt sein soll - das warme ist billiger.
Mit Pombe (Hirsebier), Palmwein oder Palmschnaps habe ich noch keine Erfahrungen sammeln können, aber die meisten, die es ausprobiert haben, haben es danach kein 2. Mal getrunken. Naja... irgendwann irgendwann komme ich bestimmt in eine Pombe Bar.
In den Kneipen wird entweder R&B, Popmusik (Jennifer Lopez, Britney Spears) oder Bongo Flavor gespielt. Bongo Flavor ist afrikanische Gute-Laune Musik, oft mit Gospelchören und reicht von wirklich lustig bis furchtbar nervig.

Mein Swaheli ist noch sehr lückenhaft, aber ich lerne. Wir haben eine Lehrerin, die uns für ungefähr 1 Euro pro Stunde Swaheli unterrichtet.
Wenn man auf Swaheli ein Gespräch beginnt, tauscht man zuerst einmal jede Menge Begrüßungsformeln aus. Die Tansanier haben auch viele verschiedene Handschläge. Ich habe noch nicht ganz durchschaut, in welcher Situation welcher Handschlag angebracht ist, aber ich vermute, dass es zufällig ist. Es gibt auch einen besonderen Rastafari-Handschlag. Hier in Tansania gibt es sowieso viele Rastafaris. Ich werde hin und wieder sogar mit Hail Selassi gegrüßt.

 

2. Bericht, 19.9.04

Erstmal ein paar Antworten auf mir häufig gestellte Fragen:

Heisst die Sprache Swaheli oder Kiswaheli? Und warum schreibt das jeder anders?
Die Sprache heisst Swaheli und die Vorsilbe Ki heisst soviel wie "Sprache". "Kiswaheli" heisst also sowiel wie "Die Sprache Swaheli". Man kann also beides sagen.
Swaheli, bzw. Kiswaheli ist die Schreibweise hier in Tansania. Die deutsche Schreibweise aber ist Suaheli / Kisuaheli. Die Engländer schreiben soweit ich weiss Swahili - ihr könnt es also schreiben wie ihr wollt, in irgendeiner Sprache wird es schon richtig sein.

Wie gross ist die Zeitverschiebung
Nur 1 Stunde - wenn es hier 12 Uhr ist, ist es in Deutschland 11 Uhr.

Wie weit sind Tansania oder Iringa weg?
Mein Encarta Weltatlas hat ziemlich genau 7000 km für die Strecke Dörth / Iringa gemessen.

Hast du nicht eine Digitalkamera mitgenommen? Wann lädst du endlich Fotos ins Internet?
Essentieller Bestandteil der tansanischen Kultur sind die beiden Wörter "kesho" (Morgen) und "baadaye" (später). In den 2 Monaten, die ich hier lebe, habe ich die tansanische Lebensart zumindest teilweise adaptiert.

Die Computerkurse haben sehr abrupt vor 2 Wochen angefangen. Nach tansanischer Art wurden natürlich alle unsere Vorbereitungen über den Haufen geworfen und die ursprünglich geplanten 7tägigen Kurse wurden auf 13 Wochen verlängert. Jonas und ich teilen uns einen Kurs, der jeden Werktag 2 Stunden dauert. Die ersten beiden Wochen haben wir immer täglich abwechselnd unterrichtet, aber jetzt wechselnd wir uns nur noch alle 2 Wochen ab.

Ursprünglich hat die Universität mit 15 Schülern in unserem Kurs gerechnet, doch aus irgendeinem Grund sind zu unserem Kurs bis jetzt nur 3 gekommen. Ich vermute mal, dass das an dem völlig überteuertem Preis liegt - 240.000 Tansanische Schillinge kosten die 13 Wochen, soviel verdient ein normaler Arbeiter in einem Jahr - aber die Universität braucht halt Geld. Gerüchten zufolge soll ich morgen 4 neue Schüler bekommen, aber es lohnt sich kaum, sich auf so etwas einzustellen, denn es kommt sowieso alles anders. Wenn tatsächlich 4 neue kommen, muss ich halt schauen, wie ich ihnen den Stoff der letzten 2 Wochen beibringe und die alten trotzdem noch weiter unterrichte - willkommen in Tansania, dem Land der Spontanität und der Improvisation.

Ich weiss, 3 Schüler und nur 2 Stunden Arbeit am Tag hört sich sehr wenig an, aber die Zeit scheint in Tansania schneller zu vergehen. Die Stunden fliegen einfach davon und am Abend frage ich mich meistens, was ich den ganzen Tag über getan habe. Was ich morgens tue, weiss ich, meistens schlafe ich recht lange und beeile mich nicht besonders, so dass ich nicht vor 11 aus dem Haus kommen, aber was mit der Zeit danach geschieht, weiss ich nicht. Irgendwie gibt es halt doch häufig irgendwelche Kleinigkeiten in der Uni zu tun, dann laufe ich eine halbe Stunde über den Markt, halte den Computerkurs - und der Tag ist vorbei.

Unsere Wohnung haben wir inzwischen sehr nett eingerichtet. Jetzt, nach nur 2 Monaten, hat uns der Schreiner noch zusätzlich zu dem Tisch, dem Sofa, den 2 Sesseln und den 3 Betten noch ein paar Regale gebaut und wir sind zuversichtlich, dass wir auch die restlichen Möbel (Stühle, Schreibtisch) noch vor unserer Heimreise nach Deutschland kriegen. Unseren Innenhof haben wir grün angestrichen (Jonas hatte 1 Woche lang grüne Füße, hehe) und irgendwann malen wir eine orangene Sonne auf den Boden. Unsere Fenster sind mit dicken Eisenstangen gegen Einbrecher und mit Netzen gegen Moskitos geschützt. Natürlich kommen trotzdem jede Menge Insekten ins Haus, zum Beispiel durch die Tür, die nicht richtig schließt. Zum Glück ist es in Iringa im Moment noch sehr trocken, so dass es nur wenige Moskitos und damit auch nur wenig Malaria gibt, aber zur Regenzeit wird es sicher schlimmer.

Alle anderen Zivis in Tansania hatten mindestens einmal, meistens eher 3 Mal Malaria, aber die Krankheit ist nicht so schlimm, wie alle denken. Sie fühlt sich an wie eine Grippe und ist meistens, wenn man Medikamente nimmt, nach ein paar Tagen wieder vorbei. Ein Zivi, dessen Dienst jetzt vorbei ist, hatte 2 Wochen lang eine wirklich heftige Malaria mit hohem Fieber, Durchfall, Schmerzen überall usw. Angeblich bekommt man von jedem 1000. Mückenstich Malaria. Malariastiche sind winzig, man sieht sie fast nicht und meistens wird der Körper von alleine damit fertig. Als ich eine Nacht in Dar-es-Salam (sprich Darresslam) geschlafen habe, hatte ich auch einen Malariastich am Fuß, aber mir ist nichts passiert.

Momentan lebt eine Pädagogin aus Deutschland in unserem Haus, die selber Erfahrung im Computerunterricht hat und uns beim Unterrichten unterstützen soll. Sie tut noch viel mehr und organisiert viel für unsere Computerschule. Jeden Tag gibt es ein Meeting, bei dem wir Aufgaben für die nächsten Teile verteilen oder unsere Arbeit absprechen. Seit sie hier ist, weiss ich auch, was mit meiner Zeit passiert, schliesslich ist jede Minute irgendwo in ihren Unterlagen verzeichnet.
Durch sie haben wir zwar viel mehr Stress als vorher (eigentlich kam der Stress erst mit ihrer Ankunft), aber andererseits hilft sie uns viel und ohne sie hätten wir wahrscheinlich nicht halb soviel organisatorische Arbeit erledigt.

Mein Swaheli wird immer besser, ich kann einfache Gespräche führen. Natürlich gibt es noch ständig Mißverständnisse, aber für meine 2 Monate Swaheli spreche ich schon sehr gut. Ich muss die Sätze inzwischen nicht mehr zuerst im Kopf auf Deutsch formulieren und dann Wort für Wort in Swaheli übersetzen, sondern kann einfach so sprechen.

Was ich hier sehr vermisse, ist deutsches Essen. Denkt das nächste Mal an mich, wenn ihr in ein dunkles Brot mit Schinken beisst; hier gibt es nur Weissbrot und Wurst kann man auch nicht kaufen. Käse ist schwer zu kriegen, wir müssen dafür zu einem abseits gelegenen Kloster laufen, wo italienische Mönche selbstgemachten Käse zu Schweinepreisen verkaufen. Jeden Morgen haben wir also die Auswahl zwischen Marmelade und Erdnussbutter. Meistens kochen wir selber, weil die einheimischen Restaurants eher langweilig schmecken. Neben den obligatorischen Spaghetti mit Tomatensoße probieren wir auch immer wieder einheimische Zutaten aus wie Okraschoten, Sükartoffeln, Erdnüsse (sehr lecker, kann man an so jedes Essen tun) oder Kokosnüsse. Unsere Experimente mit Mais haben schreckliche Traumata hinterlassen, so dass wir das so schnell nicht nochmal probieren werden. Ansonsten esse ich hier viel mehr Früchte als in Deutschland, weil Früchte hier a) sogut wie nichts kosten, b) viel besser schmecken als zuhause und c) eine sehr nette Abwechslung zu Erdnussbutter und Marmelade darstellen. Je nach Jahreszeit gibt es Mangos, Papayas, Ananas, Orangen, Mandarinen, Bananen, Passionsfrüchte, Guaven oder auch Früchte, die ich noch nie vorher gesehen habe. Kochbananen schmecken übrigens überhaupt nicht nach Banane, sondern eher nach Kartoffel. Ich mag sie nicht besonders.

Die Tierwelt von Tansania ist erstaunlich. Über 50% der Fläche wurde zum Nationalpark erklärt, so dass man auf der Landstraße hin und wieder Elefanten, Zebras, Giraffen oder Affen trifft. Meine Chefin ist neulich mit dem Auto steckengeblieben und wurde sofort von einer Elefantenherde umringt, die nichts gemacht hat - ausser eine halbe Stunde lang um das Auto herumzustehen und seinen Insassen eine Riesenangst einzujagen.
In unserer Küche haben wir hin und wieder gigantische, schwarze Käfer, vielleicht auch Kakerlaken, mit einer gelblich-schleimigen Unterseite, etwa von der Größe eines Eis (+ 5cm lange Fühler). Auch die Spinnen können eine Größe erreichen, bei der unsere Gläser zu klein sind, um sie zu fangen - für die müssen wir Salatschüsseln nehmen. Neulich hat Jonas einen kleinen, gelben Skorpion im Innenhof gefunden, der angeblich giftig war. Meine Chefin hat heute eine Giftschlange in ihrem Haus gefunden.
Bei einem Schlangenbiss soll man übrigens nicht das Gift aus der Wunde saugen, wie ich es schon ein paar mal gehört habe. Man soll das gebissene Körperteil ein bisschen (nicht zu fest) abbinden und dann die Wunde kreuzförmig aufschneiden, damit das vergiftete Blut herauslaufen kann.

Glücklicherweise hat mir meine Mutter letztes Weihnachten ein Buch geschenkt, "Wo es keinen Arzt gibt". Darin steht sehr gut beschrieben, wie man sich bei den verschiedensten Krankheiten oder Gifttierbissen verhalten muss. Es gibt hier zwar jede Menge Ärzte, aber deren Kompetenz bezweifle ich stark. Die alten Zivis haben einen riesigen Spaß, mit den verschiedenen exotischen Krankheiten anzugeben, die sie sich hier eingefangen haben, aber ich habe das Gefühl, dass sie ihre Erzählungen ganz gerne ausschmücken, um uns neuen Angst einzujagen.

Ein guter Freund aus Deutschland hat mir neulich in ICQ geschrieben, dass ich hier viel mehr lerne als die Schüler in meinen Computerkursen und damit hat er völlig recht. Auf der einen Seite lerne ich viele interessante Details über Afrika, aber auf der anderen Seite verändert sich auch mein Blick auf die europäische Welt. Auf einer Klassenfahrt in der Mittelstufe hat ein Lehrer mal gesagt "Seid dankbar für euer Essen, die Kinder in Afrika würden sich darüber freuen". Damals habe ich das für einen ziemlich blöden und abgedroschenen Spruch gehalten. Als ich dann ein bisschen älter wurde, wurde mir natürlich klar, dass der Lehrer recht hatte, doch erst durch die vielen Erfahrungen hier habe ich gemerkt, wie dramatisch die Tatsachen sind, die hinter diesem Spruch stehen. Ihr müsstet einmal die Sehnsucht erleben, mit der viele Tansanier auf die westliche Welt und den westlichen Lebensstil schauen. Mein Vorsatz, ein moralisch korrektes Leben zu führen, kommt sehr ins Schwanken, wenn eine Familie von den Kosten einer durchfeierten Nacht selbst nach tansanischen Preisen einen ganzen Monat lang leben kann. Solchen Gedanken halte ich entgegen, dass ich hier schon Entwicklungshilfe leiste und den Menschen helfe, aber ich könnte noch viel mehr tun...

 

3. Erfahrungsbericht, 20.2.04
Erstmal wieder Antworten auf Fragen.
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- Ich will mich bei Amani bewerben und deinen Job in der Computerschule machen. Welche Computerkenntnisse brauche ich?
Du musst kein Computerfreak sein, aber je mehr Wissen du hast, desto besser ist es. Für den Unterricht selbst brauchst du keine großartigen Computerkenntnisse. Es geht um Windows Grundlagen und präzise Office-Kenntnisse, also auch Dinge wie Serienbrief, Excel-Programmierung und Access. All dieses Wissen kann man sich leicht anhand der Trainerunterlagen selbst aneignen.
Die Zivis müssen aber auch die Computer der Schule warten und das ist schwieriger. Du solltest einen Computer zusammenschrauben und ein Betriebssystem installieren können. Bei den Reparaturen musst du dich auf viel Improvisation einlassen. Außerdem solltest du dich ein bischen in Netzwerktechnik (Windows-Netzwerk) auskennen.
Überhaupt musst du sehr flexibel sein und dich darauf einlassen können, dass dauernd alles anders kommt, als du es geplant hast. Da wir inzwischen auch das Projektmanagement hier vor Ort übernommen haben, solltest du auch organisatorische Fähigkeiten haben.

- Die Zeitverschiebung... ?
... hat sich geändert. Nun sind es wg. Winterzeit 2 Stunden.

 Fotos... ?
... habe ich gemacht. Lade das Fotopaket jetzt hier runter. Während der Downloadzeit kannst du den Bericht lesen, um dann die Bildbeschreibungen unter dem Bericht zusammen mit den Bildern anschauen zu können. Das Paket ist 1,5 MB groß und im .zip Format.

- Emails?
Asche ueber mein Haupt, aber ich komme kaum mit meinen Emails hinterher. Sei mir nicht böse, wenn ich dir keine Email geschrieben habe.

Es ist kaum zu glauben, aber die Hälfte meines Dienstes ist schon vorbei.

Wir haben uns ganz gut eingelebt. Mittlererweile sind wir mindestens 1x mit jedem Taxi in Iringa gefahren, haben viele Freundschaften zu Einheimischen geschlossen und kennen das Personal unserer Stammkneipe mit Vornamen.

Wenn man sich an das Leben gewöhnt, verliert es seine Exotik. Anfangs habe ich bei jeder Busfahrt ständig mit grossen Augen aus dem Fenster geguckt, inzwischen ertrage ich die überfüllten, steinalten Busse nur noch. Es wird nicht langweilig, aber man erlebt nicht mehr jeden Tag soviel Neues wie am Anfang.

Ich habe auch schon die erste Regenzeit erlebt. Es gibt 2 Regenzeiten in Tansania, die Short und die Long Rains. Von Dezember bis Januar fallen die Short Rains, das bedeuted kurze Schauer in unregelmäßigen Abständen. Das ganze Land wurde grün und Tansania ist noch schöner als vorher. Durch die Regenwolken wurde die Sonne häufig verdeckt, so dass es nicht ganz so heiss war wie sonst.

Es gibt noch eine andere Form von Jahreszeiten: Saisonale Früchte. Gerade ist die Mangozeit vorübergegangne, es gab Mangos für fast kostenlos in riesigen Mengen zu kaufen. Nach der Mangozeit kam eine kurze Pflaumenphase, die jetzt gerade von einer Passionfruitschwemme abgelöst wird. Diese Phasen haben den grossen Nachteil, dass man die Frucht nach 2 Wochen nicht mehr sehen kann. Gerade in der Mangozeit habe ich jeden Tag 3 oder 4 Mangos gegessen - bis sie mir zu den Ohren rauskamen.

Habt ihr euch mal gefragt, wo die Voegel hinfliegen, die im Winter Deutschland verlassen? Viele der Fluechtlinge landen in Tansania. Bei unserem Nachbarn sind 2 Schwalben unterm Dach eingezogen und auch sonst hat sich die Vogeldichte stark erhöht.

Mein Weihnachten war auf der einen Seite gut, auf der anderen schlecht. Die Weihnachtsparty mit den anderen deutschen Freiwilligen war sehr schön, aber die Weihnachtsgottesdienste haben mich enttäucht. Ich habe lachende, tanzende und trommelnde Menschen erwartet, aber es gab wieder nur katholischen Ernst.
Dafür konnten wir 2x Weihnachten feiern: 1x am 24.12. mit den deutschen Freiwilligen deutsche Weihnacht und dann am 25.12. die Tansanische.

Silvester habe ich zusammen mit den anderen Tansania-Zivis auf Sansibar verbracht.

Meine Eltern haben mich in dieser Zeit besucht, sie waren von Mitte Dezember bis Mitte Januar in Tansania. Diesmal konnte ich, anders als in anderen Urlauben, meine Eltern herumführen. Ich glaube, es hat ihnen gut gefallen.

Die Frisuren der tansanischen Frauen erinnern mich häufig an Prinzessin Lea aus Star Wars. Die meisten haben zwar nur 2 oder 3 Zentimeter lange Naturhaare, tragen darüber aber abenteuerliche Perücken oder flechten sich Kunsthaar auf den Kopf. Jede Woche haben sie eine neue Frisur. Das man die Perücken deutlich als Perücken erkennt, scheint ihnen nichts auszumachen. Viele Frauen flechten sich die Haare in interessanten Mustern am Kopf entlang. Häufig sehen ihre Köpfe dann aus wie Melonen. Maenner haben dafuer selten laengere Haare als 1cm. Beim Friseur hat man die Auswahl zwischen 3 verschiedenen Aufsaetzen fuer den Rasierapparat. Angeblich sollen die asiatischen Friseure auch richtige Frisuren schneiden koennen, aber mit meinen Dreadlocks ist mir das Thema sowieso nicht so wichtig. Die Haare meines Kollegen Jonas schneidet Simone, die Buchhalterin des Amanicenters, die hier ein Freiwilliges Soziales Jahr macht.

Hier ein tansanisches Teerezept. Es nimmt etwas Zeit in Anspruch, aber wenn es eine Sache reichlich in Tansania gibt, dann ist es Zeit. Der Tee heisst "Chai Rangi", aber das ist die Bezeichnung fuer jeden schwarzen Tee.
- Etwas Zimt kleinmahlen (nein, keinen fertig gemalenen Zimt)
- ~10 Kardamonschoten auseinanderpulen und das Schwarze darin ebenfalls mahlen
- Ingwer (gross wie 2 Haselnüsse) schälen und kleinschneiden. Der Unterschied zwischen frischem Ingwer und fertigem Ingwerpulver ist besonders gross, nimm den frischen.
- 1 Liter wasser zum Kochen bringen, 2 EL schwarzem Teepulver und die restlichen Zutaten dazu und zusammen 3-5 Minuten kochen. Danach die Flüssigkeit durch ein Sieb in eine Teekanne gießen.
- Tansanier würden jetzt solange braunen Zucker dazuschütten, bis er sich nicht im Wasser loesen kann und dann noch 1 Kaffeetasse voll, aber das kann ich nicht empfehlen.
Anstelle von Wasser kann man auch in Milch nehmen, dann heisst es "Chai Maziwa".

Hin und wieder ist das tansanische Leben ein bisschen dreckig. Neulich hatten wir über eine Woche lang nur hin und wieder fliessendes Wasser. Man gewöhnt sich an, in den kurzen Phasen mit Wasser alle verfügbaren Behältnisse (Flaschen, Töpfe, Eimer, die Teekanne, usw.) mit Wasser zu füllen.

Die längste Zeit ohne Wasser hat 8 Tage gedauert. Das Schlimmste ist das Warten auf die Handwerker, auf Swaheli Fundi. Man macht einen Termin morgens um 9 aus und der Fundi kommt einfach nicht. Um 11 verlaesst man dann doch das Haus und hofft, dass er am naechsten Tag kommt. Das Spielchen wiederholt sich die naechsten 3 Tage, bis man dann am 4. ganz normal zur Arbeit geht. Gerade, wenn man angekommen ist, ruft der Handwerker an (er hat sich dann irgendwo ein Handy geliehen) und man muss wieder zurueck gehen.

Mittlerweile läuft unsere Arbeit immer besser, unsere Kurse sind voll. Trotzdem sehe ich den Schwerpunkt meiner Arbeit eher im Aufbau der Schule als im Unterricht selber. Der Unterricht wird uns teilweise von Lehrern der Uni abgenommen, die selber noch keine andere Aufgabe haben, da der reguläre Unibetrieb noch nicht begonnen hat. Wir sind mehr mit der Organisation des Kurses und dem Aufbau von Strukturen innerhalb der Uni beschäftigt als mit dem Unterricht selber. Außerdem haben wir nach den Erfahrungen des ersten Kurses die Lehrpläne gründlich überarbeitet.

Vor wenigen Wochen wurde uns das Projektmanagement der Computerschule übertragen. Bisher war nie richtig geklärt, wer für Entscheidungen zustaendig ist und nichts hat richtig funktioniert, aber jetzt können wir endlich richtig arbeiten. Wir verhandeln jetzt mit den verschiedenen Leuten der Uni und organisieren alle möglichen Abläufe.

Hier in Tansania erfährt man täglich den Unterschied, den die Hautfarbe ausmacht. Ein gutes Beispiel stellt das Gewitter neulich dar. Durch ein Loch im Dach hatten wir plötzlich Wasser in einigen Räumen, die wir schnell evakuieren mussten. Schnell waren einige Hausmeister als Helfer organisiert - und alle halten es für selbstverständlich, dass der einzige anwesende Weisse (also ich) allen Leuten sagt, was sie zu tun haben. Von den Helfern wusste niemand, welche Position ich in der Uni habe, ich kannte auch keinen von ihnen, aber wegen meiner Hautfarbe haben sich die Hausmeister mir automatisch untergeordnet.

Gerade bei Bekanntschaften zu ärmeren Tansaniern erlebt man oft, dass man im gesamten Freundeskreis herumgezeigt wird. Tansanier genießen es, mit einem weissen Freund angeben zu können.

Der grösste Unterschied zwischen Schwarz und Weiss ist aber nach wie vor der Reichtum der Weissen. Selbst weisse Rucksacktouristen haben viel mehr Geld als der tansanische Durchschnittsverdiener und der Durchschnittstouri trägt ganze Jahresgehälter mit sich herum. Ständig wird man gefragt, ob man nicht irgendwelchen wildfremden Leuten etwas Geld oder wenigstens eine Cola geben kann. Die meisten 8jährigen Kinder kennen neben "Goodie Morning, Teacher" auch die Sätze "Give me money" und "Give me sweets". Mittlerweile habe ich mir aber eine Routine im Umgang mit diesen Leuten angewöhnt. Bettlern oder wirklich armen Menschen gebe ich Geld. Leuten, die ich wenigstens flüchtig kenne (Kellner aus Kneipen, in denen ich hin und wieder esse, die Wachleute unserer Uni, usw.), gebe ich gerne eine Cola, aber kein Geld. Anderen, vor allem bettelnden Kindern, gebe ich kein Geld. Wenn sich herumspricht, dass bettelnde Kinder Erfolg haben, schicken viele Eltern ihre Kinder auf die Straße statt in die Schule.

Das Fotopaket (1,5 MB, .zip Format)

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Aufgenommen in unserem Hof. Der Kerl mit der blauen Gitarre ist mein Vater. Sehr schön zu erkennen ist der rosa Adventskalendar links im Bild, den mein Kollege gebastelt hat. Nach wenigen Stunden sind die Ameisen in Scharen darüber hergefallen. An allen anderen Ecken des Hofes haben wir mittlerweile Blumenbeete gebaut.

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Auf dem Markt in Iringa. Die Kleider der bunten Frauen heissen Kangas. Im Hintergrund kann man die Markthalle von Iringa sehen. Der Markt ist aber wesentlich größer und umfasst auch die umliegenden Straßen.

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Mein Arbeitsplatz. Der Wasserfleck auf dem Boden kommt von der undichten Stelle im Dach über unserem Büro - ideale Bedingungen, um mit Computern zu arbeiten.

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Pikeldi und Porkie, unsere beiden Schweine. Sie werden ausgewachsen sein, wenn wir Tansania verlassen und werden zu unseren Abschiedsparties geschlachtet.

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Meine Mutter hat allen Kindern, die sie getroffen hat, Luftballons geschenkt und ihnen dann gezeigt, wie man die entweichende Luft zum Quietschen bringen kann. Alle Kinder waren begeistert. Hier hat sie es Kindern aus dem Amani Center Kilolo gezeigt.

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Kinder in Kilolo, dem Dorf in der Nähe des Amani Centers.

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Das Bottoms Up, unsere Stammkneipe. Vlnr.: Jonas (aus Berlin, ein anderer Zivi), mein Vater Ali, Jonas (mein Kollege) und ich. Das Kleid, das Jonas in der Hand hält, ist ein Weihnachtsgeschenk.

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In der Markthalle von Iringa, beim Kauf von Tangawizi (Ingwer). Die roten Dinger links vom Ingwer werden angeblich von schwangeren Frauen gelutscht, um Eisenmangel auszugleichen.

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Aufgenommen auf Sansibar. Hut, Schlips und Brille wurden aus Palmblättern geflochten.

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Der Fischmarkt der Stone Town auf Sansibar.

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Aufgenommen in unserem Garten.

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Die Strandbar mitten im Paradies von Kendwa auf der Nordspitze von Sansibar.
In solchen Touriorten gibt es viel mehr Weisse als Schwarze.

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Ich, bei der nervigsten Arbeit überhaupt: Kleider waschen. Zum Glück haben wir eine Putzfrau, die diese Arbeit meistens für uns macht.

 

4. Bericht, 13.5.05

Es ist kalt geworden.
Jeden Morgen, wenn ich mir ein langaermliges Hemd oder sogar Socken anziehen muss, frage ich mich, was mich in dieses bitterkalte Land getrieben hat. Mittags wird es immer noch sehr heiss, so dass man in der dicken Kleidung schweissgebadet wird.
Die paradiesische Regenzeit ist vorbei und das Land wird wieder kahler. Dem Reisezuehrer zufolge soll nun die kalte, trockene Jahreszeit beginnen. Alles wird staubiger.

Zum Ende der Regenzeit haben mein Kollege Jonas, ein Zivi aus Dar und ich eine Reise durch Malawi und Sambia gemacht. Malawi ist das Land, in dem der Praesident nicht mehr in seinem Palast schlaeft, weil er dort Geister gesehen hat. Die Straende am Malawisee sind sehr schoen, am Horizont kann man haeufig Tansania oder Mozambique sehen, waehrend sich auf malawischer Seite bis zu 500m hohe Berge am Ufer auftuermen.
Dann sind wir nach Sambia gefahren, zu den Victoriafaellen in Livingston. Der Weg ist weit, die Victoriafaelle sind naeher an der West- als der Ostkueste von Afrika. Der Zeitpunkt war guenstig, schlieslich sind Wasserfaelle in der grossen Regenzeit am beeindruckendsten. Insgesamt haben wir 1 1/2 Bustage hin und 1 1/2 Bustage zurueck investiert, aber die Faelle waren grossartig.
Im Fotopaket (1,1 MB) sind Fotos von der Reise.

Nach der Reise gab es ein Erfolgserlebnis auf unserer Arbeit: Unser Computerkurs wurde fast voll ausgebucht, es gibt 3 Kurse taeglich mit zusammen 43 Schuelern.
Die Arbeit gefaellt mir, sie ist interessant und anspruchsvoll. Da ich soviel am Aufbau des Kurses beteiligt war, ist mir das Projekt richtig ans Herz gewachsen. Anfangs waren wir mit der Organisation des Projektes innerhalb der Schule und des Amani Vereins beschaeftigt, nun koennen wir uns mehr auf die Arbeit als Lehrer konzentrieren.

Ausserdem hat die Arbeit Simone in unser Haus geschneit. Sie arbeitet als Buchhalterin im Amani Kinderdorf und hat anfangs bei ihren Iringaaufenthalten am Wochenende in unserem Gaestezimmer gewohnt. Inzwischen kann man auch sagen, dass sie bis auf einige Kinderdorfaufenthalte bei uns wohnt. Mit viel Energie bringt die Frau Bewegung in unser Haus.

Nicht nur der malawische Praesident glaubt an Geister. Zuerst dachte ich, die Tansanier machen Witze, wenn sie mir ihre Geistergeschichten erzaehlt haben, aber zumindest an den Kern der Geschichte scheinen die meisten zu glauben.
Die tansanische (oder generell ostafrikanische) Geisterwelt ist sehr ungemuetlich. Wer sich mit Geistern einlaesst, kann nichts Gutes erwarten.
Vermittler zwischen Geistern und Menschen sind die Witchdoctors, meist zerlumpte Gestalten, die in Bruchbuden voller Talismane, Glaeschen mit Wurzeln und anderem magischen Werkzeug hausen. Sie koennen den Kontakt zu Verstorbenen herstellen, Menschen verfluchen oder zu Macht, Reichtum oder Ehepartnern verhelfen. Meistens verlangen sie jedoch einen Preis fuer ihre Arbeit, fuer Reichtum beispielsweise muss man sein eigenes Kind umbringen.
Ansonsten ist die Macht der Witchdoctors nur von der Phantasie des Erzaehler begrenzt. Die hier ueblichen Koerbe zum Sortieren der Reiskoerner (Steinchen und schwarze Koerner kommen raus) werden von ihnen benutzt, um in Sekundenschnelle von Tansania bis nach Europa und zurueck zu fliegen. Eigenartigerweise hoere ich oefters die Geschichte, bei der ein Verfluchter wie in "Der Exorzist" in seinem Bett hin und her gewirbelt wurde. Bei solchen Vorkommnissen hilft dann nur der Besuch beim Witchdoctor deines Vertrauens, der einen Gegenzauber wirken kann.
So lustig und interessant die Geistergeschichten auch klingen, sitzt der Glaube daran tief und gibt den Witchdoctors viel soziale Macht. Die Menschen fuerchten die Witchdoctors und tun lieber das, was sie sagen. Es wird von Gegenden berichtet, in denen haeufig Menschen verschwinden, weil ein maechtiger Witchdoctor fuer seine Zauber Menschen umbringen muss. In Iringa, dem Ort, in dem ich lebe, soll man angeblich Menschenhaut kaufen koennen. Wen wunderts, schliesslich sind wir nur 4 Autostunden von dem fuer seine Menschenhaut beruehmten Mbeya entfernt. Gluecklicherweise ist weisse Haut ungeeignet fuer Witchdoctoren.
Witchdoctors koennen auch Krankheiten heilen. Gegen Malaria verschreiben sie z.B. eine Pflanze, die Chinin enthaelt und so (wenn man zufaellig die richtige Dosierung trifft) Malaria kurieren kann. Allerdings vertrauen die Menschen auch bei wirklich schlimmen Krankheiten auf ihren Witchdoctor, der dann wertvolle Zeit mit einer nutzlosen Tanz und Gesangbehandlung verschwendet. Angeblich sollen einige Witchdoctors HIV heilen koennen.

Vor einigen Wochen habe ich einen Rueckflug gebucht: Am 1. September werde ich dieses gelobte Land verlassen und ins noch kaeltere Deutschland zurueckkehren. Aehnlich dem ersten Kulturschock bei meiner Ankunft in Tansania erwarte ich einen 2. Kulturschock zu meiner Rueckkehr.
Die ersten Tage werde ich vermutlich von den hohen Preisen schockiert sein. Fuer den Preis eines McDonalds Sparmenues bekommt man im Tansanischen eine um Laengen bessere Mahlzeit, dazu 3 Flaschen Bier, 3 Poolspiele und die Taxifahrten hin und zurueck.
Ein Zivi in Deutschland verdient mit 700 Euro / Monat (oder 600 oder 800, keine Ahnung) mehr, als die 3 Lehrer des Short Course Departments unserer Uni zusammen. Die Lehrer gelten jedoch nach tansanischen Massstaeben als wohlhabend. Andererseits habe ich auf www.spiegel.de gelesen, dass 13% der Deutschen unterhalb der Armutsgrenze leben.
In Tansania ist man staendig Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, jeder will den Weissen gruessen oder ihm ein Gespraech auf die Backe druecken. Kinder rotten sich zusammen und bruellen aus vollem Hals "Goodi Morning", sobald sie einen Weissen sehen und hoeren erst auf, wenn er wieder verschwunden ist. Ob mir deutsche Ruhe lieber ist als freundlich gemeinter Dauerkontakt, will ich in Deutschland entscheiden.

Iringa ist der Treffpunkt von englischen SPWs (Student Partnerships Worldwide) und amerikanischen Peacekorps. Die beiden Organisationen schicken Freiwillige auf die Doerfer und lassen sie Entwicklungshilfe an der Basis verrichten, SPW fuer einige Monate und Peacekorp fuer 3 Jahre. Sie verbringen viel Zeit in den Doerfern im Busch und veranstalten Seminare ueber Verhuetungsmittel, Hygiene und all die anderen Errungenschaften der westlichen Zivilisation. Haeufig beschweren sie sich, dass sich niemand fuer ihre Arbeit interessiert und sie so wochenlang ohne Beschaeftigung in einem Dorf mitten im nirgendwo festsitzen.
Vor einigen Wochen kam eine Schwemme von ~50 SPWs in die Doerfer rund um Iringa und so sind beiden Weissentreffpunkte Hasty Tasty (zum Fruehstueck) und Bottom's Up (rund um die Uhr) am Wochenende von Englaendern uebervoelkert. Die Stadt ist fuer sie wie eine Oase der Zivilisation, obwohl von ihren Doerfern keins weiter als eine Tagesreise vom naechsten Internetcafe entfernt liegt.
Nicht nur wegen der Internetstandleitung meiner Uni ist mein Leben viel westlicher als das der SPWs. In Iringa gibt es viele Weisse, ich schaetze 40. Alle Zivis der Stadt und Simone zusammen sind 6 Deutsche im gleichen Alter.
In den Laeden gibt es Spaghetti, Mikrowellen und Computer. Es gibt ein Dutzend Internetcafes und 2 Universitaeten. Alle 2 oder 3 Wochen findet ein Konzert, ein Autorennen, ein Boxkampf oder Aehnliches statt.
Jetzt, nachdem ich einigermassen Swaheli gelernt habe, wuerde ich gerne mal fuer 2 Monate auf eines der Doerfer fahren, um auch diese Seite von Tansania kennen zu lernen. Wie SPW fuer ein halbes Jahr (man lernt die Sprache nur ansatzweise und ist im Dorf isoliert) oder Peacekorp (3 Jahre sind eine lange Zeit) wuerde ich meinen Dienst aber nur ungern verbringen. Gerade durch die vielen jungen Deutschen ist man in Iringa nicht so alleine in der Fremde.

Fotos (1,1 MB)

0928: Der Norden des Malawisees.
0929: Das Guesthouse am Rande des Paradieses (in Chitimba).
0930: Nicht weit vom Ufer beginnen die Berge des afrikanischen Rift Valleys.
0946: Nun der Sueden des Sees. Die Band hat mit selbstgebauten Instrumenten (die Gitarre besteht aus einem leeren Benzinkanister, einem Brett und 3 Draehten) gute Musik gemacht.
0951: Das Wasser sieht so harmlos aus, dabei ist es mit Bilharziose verseucht. Bilharziose ist eine dieser ekligen Wurmkrankheiten.
0952: Der Beachboy bei der Arbeit.
0984: Die Victoriafaelle.
0985: So ziehen sie sich ueber knapp 2km hin. Sie sind bis zu 120m tief.
0989: Nach dem Aufschlagen spritzt das Wasser weiter hoch als es gefallen ist. Die durchnaesste Gestalt im Vordergrund ist mein Kollege und Mitbewohner Jonas.
0991: Das Spritzwasser ist teilweise wie schwerer Regen.
1000: Bei den Victoriafaellen liegt die Grenze zwischen Sambia und Zimbabwe. Der Fluss stellt die Grenze dar. Die linke Seite der Bruecke liegt in Sambia, die rechte in Zimbabwe.
1019: Nochmal die Faelle.
1035: Ich in Zimbabwe
1037: Mein Hintergrundbild, von der Grenzbruecke aus geschossen.